Das Buch der Bibliothekarin

Roman

Offi­zi­el­ler Buch­trai­ler:

Ein altes Buch. Ein dunk­ler Kel­ler. Und eine Wahr­heit, die bes­ser ver­bor­gen geblie­ben wäre.

Ela­ra Tho­mas, Biblio­the­ka­rin eines ehr­wür­di­gen Muse­ums, will an einem Frei­tag­abend nur ein paar Bücher im Kel­ler­ar­chiv ein­sor­tie­ren. Doch wäh­rend sich das Gebäu­de leert und in Dun­kel­heit ver­sinkt, stößt sie auf ein mys­te­riö­ses schwar­zes Buch, das sie noch nie zuvor gese­hen hat — ver­ziert mit einem sil­ber­nen Sym­bol, das an ein Pen­ta­gramm erin­nert. Als sie es auf­schlägt, beginnt eine unheim­li­che Rei­se: Das Buch erzählt von Ela­ra selbst. Von dem Moment, in dem sie es liest. Und dann schreibt es wei­ter … warnt sie, dass sie nicht mehr allein ist. Etwas ist dort unten. Etwas, das sie beob­ach­tet. Etwas Altes. Etwas Böses.

Ein packen­der Mys­tery-Thril­ler vol­ler düs­te­rer Magie, ver­ges­se­ner Erin­ne­run­gen und einer Gefahr, die unse­re Welt zu zer­rei­ßen droht.

Wer bist du, wenn dein gan­zes Leben und alles, wor­an du glaubst, nur eine Sei­te in einem Buch ist?

Buchcover Das Buch der Bibliothekarin von Alexander Keating

Titel: Das Buch der Biblio­the­ka­rin
Autor: Alex­an­der Kea­ting
Gen­re: Mys­tery-Thril­ler, Hor­ror, Dark Fan­ta­sy
461 Sei­ten (Taschen­buch Aus­ga­be)
Ver­öf­fent­li­chung: 03/2026

Kapitel 1 – Das Buch im Keller

Die Luft roch nach stau­bi­gem Papier und Holz­po­li­tur. Der Geruch war nicht unan­ge­nehm, eher beru­hi­gend – wie der Duft eines alten Hau­ses, das seit Jahr­zehn­ten die­sel­be Geschich­te erzählt. Ela­ra Tho­mas lieb­te ihn. Er gehör­te zu ihrem Leben wie die regel­mä­ßi­gen Wege, die sie jeden Tag durch die Biblio­thek des Muse­ums führ­ten. Die­ser ver­trau­te Beglei­ter gab ihr die Illu­si­on von Kon­trol­le und Ord­nung.

Seit über drei­ßig Jah­ren arbei­te­te sie hier, zwi­schen Rega­len vol­ler Bücher, von denen vie­le älter waren als das Muse­um selbst. Man­che hat­ten Ein­bän­de, die sich bereits brö­cke­lig anfühl­ten, als wür­den sie bei jedem wei­te­ren Öff­nen ein Stück mehr von sich ver­lie­ren. Es war ein Ort, an dem die Zeit ste­hen geblie­ben war – zumin­dest in Ela­ras Augen.

Das Licht fiel schräg durch die hohen Fens­ter und ließ den Stein­bo­den gol­den schim­mern. Es war Spät­nach­mit­tag, die tief ste­hen­de Son­ne kün­dig­te die nahen­de Däm­me­rung an. Noch war es hell genug, um die Umris­se der Rega­le und die Kon­tu­ren der Bücher klar zu erken­nen, die Ela­ra gewis­sen­haft ein­sor­tier­te.

Von der gegen­über­lie­gen­den Regal­rei­he drang eine Stim­me zu ihr, die den Frie­den stör­te: »Ach komm, Ela­ra, ein Bier­chen mit uns wird dich schon nicht umbrin­gen.« Die Stim­me gehör­te Ron­nie. Natür­lich.

Mit einem leich­ten Schub­ser rück­te Ela­ra ihre Lese­bril­le zurecht und blick­te knapp in sei­ne Rich­tung.

Ron­nie war Mit­te zwan­zig, groß, schlak­sig, und trug, wie immer eine ver­kehrt her­um auf­ge­setz­te Base­ball­kap­pe, die ihm einen Aus­druck von Dauer­jugendlichkeit ver­lieh. Er war einer die­ser Typen, die immer einen locke­ren Spruch auf den Lip­pen hat­ten und nie ernst zu neh­men waren – außer man woll­te sich über die neu­es­ten tech­ni­schen Spie­le­rei­en unter­hal­ten. Dann konn­te er stun­den­lang refe­rie­ren.

»Wenn ich mit euch etwas trin­ken gehe, hän­ge ich mor­gen wie­der wie ein nas­ser Lap­pen über den Büchern«, ent­geg­ne­te Ela­ra tro­cken. »Und ich habe kei­ne Lust, die Son­der­samm­lung an einem Sams­tag mit einem Kater durch­zu­ge­hen.«

Ron­nie grins­te. »Dora, hast du das gehört? Sie redet sich schon wie­der raus.«

»Ich höre es, Ron­nie.« Dora trat hin­ter einem Regal her­vor – eine Frau Mit­te vier­zig mit einem leicht generv­ten Aus­druck im Gesicht. Sie trug einen auf­fäl­li­gen grü­nen Strick­schal, den sie auch bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren nicht ableg­te. »Eines Tages wirst du noch selbst so ver­staubt sein wie die Bücher hier. Ein Drink nach der Arbeit ist doch kein Ver­bre­chen, oder?«

»Ein Drink viel­leicht nicht. Aber zwei mit euch – das grenzt ja schon fast an Kör­per­ver­let­zung.« Ela­ra blies den Staub von einem Buch und schob es ins Regal.

Dora ließ ein kur­zes Lachen hören und wand­te sich einem wei­te­ren Kar­ton vol­ler alter Doku­men­te zu. »Ach, hör schon auf. Du hast wirk­lich ein Talent dafür, aus jeder Mücke einen Ele­fan­ten zu machen.«

»Genau«, stimm­te Ron­nie zu. »Eines Tages wirst du es bereu­en, dass du immer nur gear­bei­tet hast.«

»Wenn ich’s tat­säch­lich mal bereue, schrei­be ich euch eine Kar­te.«

Dora schüt­tel­te den Kopf, grins­te aber. Ron­nie hin­ge­gen schob sich die Base­ball­kap­pe zurück und mach­te eine thea­tra­li­sche Ges­te des Auf­ge­bens. »Okay, okay. Wir woll­ten ja nur nett sein.«

»Dan­ke. Eure Net­tig­keit hat mich zutiefst berührt.« Ela­ra schob den letz­ten Band des Sta­pels ins Regal und klopf­te sich den Staub von den Hän­den. Sie moch­te die bei­den, auch wenn sie das nie offen zuge­ge­ben hät­te. Die klei­nen Necke­rei­en sorg­ten für ein wenig Far­be in ihrem All­tag, der ansons­ten aus stil­len Räu­men und ver­gilb­tem Papier bestand.

Das Han­dy vibrier­te in ihrer Hosen­ta­sche. Das grel­le Licht des Dis­plays blen­de­te sie kurz, als sie es her­vor­hol­te.

Jes­si­ca.

Ela­ra zöger­te kurz, bevor sie den Anruf annahm. Die Bezie­hung zu ihrer Toch­ter war kom­pli­ziert – freund­lich, aber unter­kühlt. Jes­si­ca rief sel­ten an, und wenn sie es tat, ging es meist um etwas Drin­gen­des. Kein »Wie geht’s dir?«, kei­ne herz­li­chen Gesprä­che. So war es schon seit Jahren.Dritter »Hal­lo, Mum«, kam es knapp aus dem Hörer. Jes­si­ca klang ruhig, aber distan­ziert. »Ent­schul­di­ge bit­te die Stö­rung. Ich woll­te dich nur kurz fra­gen, ob du mor­gen Zeit hast. Dave bringt den Anhän­ger zur Werk­statt, und ich bräuch­te jeman­den, der zwei, drei Stun­den auf die Kin­der auf­passt.«

Eine ver­trau­te Schwe­re leg­te sich auf Ela­ras Brust. Sie woll­te, dass ihre Toch­ter sie anrief, aber nicht nur, wenn es um prak­ti­sche Din­ge ging. »Aus­ge­rech­net Mor­gen? Also … da arbei­te ich den gan­zen Tag in der Biblio­thek. Viel­leicht kann ich mir eine Stun­de frei­schau­feln, mehr nicht.«

Am ande­ren Ende herrsch­te kurz Schwei­gen. »Ich ver­steh schon … Na ja, ist auch nicht so wich­tig. Ich fin­de schon jeman­den, der Zeit hat …«, sag­te Jes­si­ca schließ­lich. Ihr Ton klang abwei­send, aber in der Ent­täu­schung schwang auch ein Hauch von Ver­letzt­heit mit.

»Jes­si­ca, war­te, ich hab doch gesagt, ich ver­su­che …«

»Schon gut, Mum. Ich mel­de mich wie­der … Bis bald.« Die Lei­tung war tot, bevor Ela­ra ant­wor­ten konn­te. Sie starr­te auf das dunk­le Dis­play, das jetzt nur noch ihren eige­nen nach­denk­li­chen Gesichts­aus­druck spie­gel­te.

»Pro­ble­me zu Hau­se?« Dora hat­te das Gespräch offen­bar mit hal­bem Ohr mit­ge­hört.

Ela­ra steck­te das Han­dy zurück in ihre Tasche und zuck­te mit den Schul­tern. »Fami­li­en­kram.«

Dora zog eine Augen­braue hoch. »Klingt ange­nehm.«

»Ja, total.«

Ron­nie schwang sich sei­nen Ruck­sack über die Schul­ter und rief: »Also gut, wir sind dann mal weg. Du weißt ja, wo du uns fin­dest, falls du es dir anders über­legst.«

»Dan­ke, aber ich blei­be lie­ber hier bei mei­nen Büchern.«

Die bei­den ver­ab­schie­de­ten sich. Kurz dar­auf klapp­te die schwe­re Metall­tür der Biblio­thek mit einem gedämpf­ten Pol­tern zu.

Für einen Augen­blick schien die Welt still­zu­ste­hen. Ela­ra lausch­te dem lei­sen Sum­men der Kli­ma­an­la­ge und dem ent­fern­ten Geräusch von Schrit­ten, die sich dem Ein­gang näher­ten. Sie dreh­te sich um, als Ed, der Nacht­wäch­ter, durch die Tür trat.

»Na, machst du heu­te wie­der län­ger?« Ed war ein breit­schult­ri­ger Mann Mit­te fünf­zig mit Glat­ze und einem stets mür­ri­schen Gesichts­aus­druck, der jedoch täusch­te – Ed war einer der hilfs­be­rei­tes­ten Men­schen, die sie kann­te.

»Ich muss nur noch die­se Kar­tons im Archiv ver­stau­en. Wird hof­fent­lich nicht all­zu lan­ge dau­ern.«

»Gut, aber du weißt, ich schlie­ße um zehn ab.« Er ver­schränk­te die Arme und sah sie ein­dring­lich an. »Ruf mich, wenn was ist, okay?«

»Natür­lich.« Sie manö­vrier­te den Roll­wa­gen vol­ler Bücher die schma­le Ram­pe hin­ab und öff­ne­te die schwe­re Metall­tür zum Kel­ler­ar­chiv.

Ein küh­ler Hauch schlich ihr ent­ge­gen, beglei­tet vom ver­trau­ten Geruch nach Staub und alten Stein­wän­den. Das Licht war fahl. Nur eine ein­zel­ne Lese­lam­pe warf einen war­men Schein auf den Holz­tisch in der Mit­te des Rau­mes.

Ela­ra schob den Wagen an sei­nen Platz, nahm einen Sta­pel Bücher und begann, sie ein­zu­sor­tie­ren.

Alles war ruhig, alles schien nor­mal – bis auf die­ses eine Buch, das in einem der Rega­le her­vor­stach. Es war merk­wür­dig – sie hat­te es noch nie zuvor bemerkt, obwohl sie fast jeden Tag hier war. Schwarz, zer­furcht, ohne Titel. Ein selt­sa­mes, sil­ber­nes Sym­bol auf dem Ein­band – ein Kreis mit einem fremd­ar­ti­gen Zei­chen dar­in, das Ela­ra an einen Stern oder ein Pen­ta­gramm erin­ner­te.

Sie run­zel­te die Stirn und zog das Buch vor­sich­tig her­vor. Es war unge­wöhn­lich kalt, fast so, als ent­zie­he es die Wär­me aus ihren Hän­den. Die Ober­flä­che war rau, wie Leder, das zu lan­ge der Son­ne aus­ge­setzt war. Sie hielt es kurz fest, bevor sie es zur Sei­te leg­te und ihre Arbeit fort­setz­te.

Ihr Blick aber wan­der­te immer wie­der zu dem selt­sa­men Buch zurück. Es strahl­te eine eigen­ar­ti­ge Fas­zi­na­ti­on aus, die Ela­ra unwi­der­steh­lich anzog.

Schließ­lich nahm sie es und setz­te sich damit an den Tisch. Das schwar­ze Buch lag schwei­gend und schwer vor ihr. Und es war­te­te.

Nach kur­zem Zögern schlug sie es auf. Die Sei­ten raschel­ten lei­se, als Ela­ra sie vor­sich­tig umblät­ter­te. Das Papier war unge­wöhn­lich, nicht rau und brü­chig wie bei den ande­ren alten Exem­pla­ren, son­dern glatt und viel küh­ler als die Umge­bung – bei­na­he so, als hät­te es eine eige­ne Tem­pe­ra­tur. Die ers­ten Sei­ten waren mit bizar­ren, ver­schlun­ge­nen Sym­bo­len bedeckt, die sie nicht ein­ord­nen konn­te. Man­che erin­ner­ten sie an alte Runen, ande­re waren ihr voll­kom­men fremd. Eines davon – ein ver­dreh­tes, gezack­tes Zei­chen – sah fast aus wie das Pen­ta­gramm auf dem Ein­band. Ein eisi­ger Schau­er kroch ihr über den Rücken und ließ sie kurz frös­teln. Sie schluck­te schwer und zwang sich, wei­ter­zu­blät­tern. Auf der sieb­ten Sei­te änder­te sich der Inhalt des Buches. Kei­ne Sym­bo­le mehr. Statt­des­sen war ein Text zu lesen – geschrie­ben in einer kla­ren, fei­nen Hand­schrift. Ela­ra beug­te sich näher her­an und las.

»Der Abend fiel über das Muse­um, als Ela­ra das Kel­ler­ar­chiv betrat. Ihre Schrit­te hall­ten auf dem Stein­bo­den wider. Das Licht der klei­nen Lam­pe warf lan­ge Schat­ten auf die Bücher­re­ga­le.«

Sie zog die Brau­en leicht zusam­men. Das klang selt­sam ver­traut – bei­na­he ver­stö­rend. Sie las wei­ter.

Sie zog die Brau­en leicht zusam­men. Das klang selt­sam ver­traut – bei­na­he ver­stö­rend. Sie las wei­ter.

Ihre Hän­de wur­den feucht. Sie wisch­te sie has­tig an ihrer Hose ab. Ihr Herz­schlag beschleu­nig­te sich. Das Buch beschrieb genau das, was sie erst vor weni­gen Minu­ten getan hat­te – und ihr Name stand dort. War das nur ein selt­sa­mer Zufall oder erlaub­te sich hier jemand einen Scherz mit ihr? Sie blät­ter­te has­tig zur nächs­ten Sei­te:

»Ela­ras Blick blieb an dem Buch haf­ten, und sie zog es vor­sich­tig her­aus. Das Leder fühl­te sich rau und kühl an. Das Sym­bol – ein Kreis mit einem eigen­ar­ti­gen Stern dar­in – wirk­te fast, als wür­de es sie beob­ach­ten.«

Ela­ra rang nach Luft und klapp­te das Buch erschro­cken zu. Das Geräusch des zuschla­gen­den Ein­bands hall­te über­laut durch den stil­len Kel­ler­raum. Sie stand auf, trat einen Schritt zurück. Ihre Hän­de zit­ter­ten unkon­trol­liert, wäh­rend sie das Buch anstarr­te, als könn­te es jeden Moment auf­sprin­gen und ihr etwas ent­ge­gen­schleu­dern. »Das … das ist doch gar nicht mög­lich«, flüs­ter­te sie und schüt­tel­te den Kopf. Am liebs­ten wäre sie ein­fach aus dem Kel­ler gerannt, hät­te das Buch dort lie­gen las­sen. Aber irgend­et­was hielt sie zurück. Eine selt­sa­me Mischung aus läh­men­der Angst und – unbe­zwing­ba­rer Neu­gier.

Ihre Augen glit­ten erneut über den schwar­zen Ein­band mit dem sil­ber­nen Sym­bol, das plötz­lich erschre­ckend ver­traut wirk­te – als hät­te es schon immer in ihrer Nähe exis­tiert, unbe­merkt, ver­bor­gen. Ihre Fin­ger zuck­ten, als wol­le ein Teil von ihr das Buch erneut öff­nen, wäh­rend die Stim­me der Ver­nunft in ihr schrie, sie sol­le es lie­gen las­sen und ver­schwin­den. Ela­ra zöger­te – dann sieg­te die Neu­gier. Lang­sam setz­te sie sich wie­der an den Tisch, zog das Buch näher zu sich her­an, schlug es erneut auf. Sie blät­ter­te direkt zu der Sei­te, auf der sie auf­ge­hört hat­te.

»Ela­ra setz­te sich wie­der an den Tisch. Ihr Herz schlug schnel­ler als gewöhn­lich, und doch konn­te sie ihre Neu­gier nicht zurück­hal­ten. Sie öff­ne­te das Buch aber­mals, obwohl ein Teil von ihr davor zurück­schreck­te.«

Ela­ras Fin­ger ver­krampf­ten sich um den Rand des Tisches. Das Buch schien genau zu beschrei­ben, was sie in die­sem Moment tat und dach­te – als wür­de es sie beob­ach­ten und ihre Gedan­ken lesen. Sie blät­ter­te zur nächs­ten Sei­te, ihr Atem ging stoß­wei­se, wäh­rend die Luft im Kel­ler schein­bar immer käl­ter wur­de.

»Ela­ra las wei­ter, bemerk­te aber nicht, dass sie längst nicht mehr allein war. Etwas beweg­te sich zwi­schen den Schat­ten und beob­ach­te­te sie.«

Mit einem Ruck hob sie den Kopf und starr­te in die Dun­kel­heit des Kel­ler­ar­chivs, die sich um die Rega­le wie ein leben­der Schat­ten zu ver­dich­ten schien. Das schwa­che Licht der Lese­lam­pe reich­te nicht aus, um den gesam­ten Raum zu erhel­len – die end­lo­sen Rei­hen von Büchern wie stum­me Wäch­ter in der Fins­ter­nis.

»Hal­lo? Ist da jemand?« Der Klang ihrer Wor­te ver­hall­te in der dich­ten Stil­le. Kei­ne Ant­wort. Nur das lei­se Sum­men der Kli­ma­an­la­ge und ihr eige­ner rasen­der Herz­schlag dröhn­ten in ihren Ohren. Irgend­et­was war anders als sonst. Die Dun­kel­heit fühl­te sich schwer an, als hät­te sie ein eige­nes Gewicht bekom­men, das nun auf ihr las­te­te. Sie atme­te tief ein und zwang sich, wei­ter­zu­le­sen.

»Ela­ras Augen wan­der­ten zurück zum Buch, wäh­rend die Dun­kel­heit unauf­halt­sam näher­kam. Sie konn­te es nicht sehen, aber sie spür­te es. Etwas war hier – etwas, das nach ihr such­te.«

Sie hielt inne. Ihre Hän­de zit­ter­ten jetzt so hef­tig, dass ihr der Ein­band bei­na­he aus den Fin­gern rutsch­te. »Beru­hi­ge dich, Ela­ra. Das ist nur ein Buch«, mur­mel­te sie und strich sich fah­rig über die Stirn, als könn­te sie so das wach­sen­de Unbe­ha­gen, das in ihr auf­stieg, ver­scheu­chen. Ihr Blick fiel auf die nächs­te Zei­le:

»Ela­ra muss­te sich jetzt ver­ste­cken. Jetzt sofort! Hin­ter dem Regal zu ihrer Lin­ken. Kei­ne Geräu­sche, kein Atmen. Wür­de sie mit dem Buch am Tisch blei­ben – wür­de sie ster­ben

Ein unheim­li­ches Knar­ren drang aus dem Gang, der zur Trep­pe führ­te.

Plump. Schrr.

Ela­ra erstarr­te. Das dump­fe Geräusch klang, als wäre etwas Schwe­res auf den Stein­bo­den gefal­len und hät­te sich danach bewegt. Lang­sam hob sie den Kopf, ihre Augen weit auf­ge­ris­sen. Sie sah nichts – nur Schat­ten, die in der Fins­ter­nis ver­schwan­den.

Das Geräusch erklang erneut.

Plump. Schrr.

Es kam näher.

Panik durch­ström­te sie, heiß und läh­mend zugleich, wie ein bren­nen­der Strom, der ihren Kör­per erstar­ren ließ. Ihr Blick flog zurück auf das Buch. Die Wor­te schie­nen sich in ihren Kopf ein­zu­bren­nen: »Hin­ter das Regal! Sofort!«

Ohne nach­zu­den­ken, sprang Ela­ra auf, riss das Buch an sich, drück­te es fest gegen ihre Brust und has­te­te zur lin­ken Regal­rei­he. Sie duck­te sich dahin­ter, kau­er­te in der Ecke, und press­te sich gegen die Wand. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, jeder Atem­zug war ange­strengt.

Plump. Schrr.

Die Schrit­te kamen näher. Schwer, schlep­pend, unna­tür­lich – wie das Wan­ken eines ver­letz­ten Tie­res. Ein tie­fes Schnau­fen erklang, als wür­de etwas mit einer Lun­ge atmen, die nicht für die­se Welt gemacht war.

Ela­ra schloss die Augen, drück­te sich noch fes­ter in die Ecke und hielt die Luft an. Die Lau­te waren direkt hin­ter dem Regal, auf der ande­ren Sei­te, so nah, dass sie die Vibra­tio­nen spür­te.

Schnüf­feln.

Ein lan­ges, nas­ses Geräusch, wie das tie­fe Schnau­fen eines Raub­tiers, das sei­ne Beu­te wit­tert. Sie woll­te nicht hin­se­hen, konn­te es nicht. Die Dun­kel­heit vor ihr war zu dicht, zu unna­tür­lich. Es fühl­te sich an, als wür­de die Fins­ter­nis nach ihr grei­fen. Das Schnüf­feln hielt einen Moment inne. Dann – Plump, Schrr – ent­fern­ten sich die schlei­fen­den Schrit­te lang­sam. Das unbe­kann­te Etwas schien von ihr abzu­las­sen.

Erst als die Stil­le voll­ends zurück­kehr­te, wag­te Ela­ra, die Augen zu öff­nen. Es dau­er­te eine gefühl­te Ewig­keit, bis sie ihre kraft­lo­sen Bei­ne wie­der unter Kon­trol­le brach­te und unsi­cher zur Trep­pe schlich.

Als sie am obe­ren Ende ankam, war­te­te Ed bereits am Ein­gang und mus­ter­te sie mit einem Stirn­run­zeln. »Alles gut, Ela­ra? Du siehst etwas blass aus.«

Sie öff­ne­te den Mund, aber ihre Stim­me ver­sag­te. Mit Mühe press­te sie ein schwa­ches ‚Ja‘ her­vor.

»Wirk­lich? Das sieht mir aber ganz und gar nicht danach aus. Irgend­was ist doch mit dir.«

»Nein, mir geht’s gut, ehr­lich. Mach dir kei­ne Sor­gen. Aber sag mal … du hast nicht gera­de zufäl­lig etwas gehört oder … jeman­den hier vor­bei­kom­men sehen?«

»Jeman­den? Nein, alles ruhig. Wie­so fragst du?«

»Ach, nichts wei­ter …«, ant­wor­te­te sie, wäh­rend sie mecha­nisch den Kopf schüt­tel­te und ihren Man­tel vom Gar­de­ro­ben­ha­ken nahm.

Sie ver­ab­schie­de­te sich von Ed und trat hin­aus in die küh­le Nacht­luft.

Doch selbst als sie im Auto saß und die Tür ver­rie­gel­te, ließ das beklem­men­de Gefühl in ihrer Brust nicht nach. Das hat­te sie sich nicht ein­ge­bil­det. Etwas lau­er­te dort drau­ßen in der Dun­kel­heit. Etwas, das atme­te. Etwas, das nach ihr such­te.

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